Paul Gerhardt
O Welt ich muß dich lassen.
1.
Nun ruhen alle Wälder,
1
684
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
Es schläfft die gantze Welt:
Ihr aber meine Sinnen
Auf, auf ihr solt beginnen,5
Was eurem Schöpffer wolgefällt.
2.
Wo bist du Sonne blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht des Tages Feind:
Fahr hin, ein andre Sonne10
Mein Jesus, meine Wonne,
Gar hell in meinem Hertzen scheint.
3.
Der Tag ist nun vergangen:
Die güldnen Sternlein prangen
Am blauen Himmels-Saal:15
So, so werd ich auch stehen,
Wann mich wird heissen gehen
Mein Gott aus diesem Jammerthal.
4.
Der Leib, der eilt zur Ruhe
685
Legt ab das Kleid und Schuhe20
Das Bild der Sterbligkeit:
Die zieh ich aus dargegen
wird Christus mir an legen
Den Rock der Ehr und Herrligkeit.
5.
Das Häupt die Füß und Hände,25
Sind froh daß nun zum Ende
Die Arbeit kommen sey:
Hertz, freu dich: du solst werden
Vom Elend dieser Erden
Und von der Sünden Arbeit frey.30
6.
Nun geht ihr matten Glieder,
Geht, geht und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt:
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten35
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.
7.
Mein Augen stehn verdrossen,
Im huy sind sie verschlossen,
Wo bleibt denn Leib und Seel?
Nim sie zu deinen Gnaden,40
Sey gut vor allen Schaden,
Du Aug und Wächter Israel.
8.
Breit aus die Flügel beide,
O Jesu meine Freude,
Und nim dein Küchlein ein:45
Will Satan mich verschlingen,
686
So laß die Englein singen
Diß Kind sol unverletzet seyn.
9.
Auch euch ihr meine Lieben
Sol heute nicht betrüben50
Kein Unfall noch Gefahr:
Gott laß euch ruhig schlaffen
Stell euch die güldnen Waffen
Umbs Bett, und seiner Helden Schaar.
Bemerkungen:
Der Ausgabe beigegeben ist folgender Text:
Bemerkungen.
In der evangelischen Kirchenzeitung, Berlin 1830, No. 19. Seite 149 u. 150 heißt es über dieses Lied:
»Seit dem Erscheinen dieses Liedes (1653) ist dasselbe eines der beliebtesten und bekanntesten Lieder christlicher Andacht in ganz Deutschland geworden. In einem wahrhaft kindlichen Volksgeiste gefühlt und gedacht, vereinigt es mit dieser so seltenen ungekünstelten Einfachheit des Ausdrucks eine Erhabenheit der Gedanken, eine Tiefe christlicher Erkenntniß, einen Reiz der Poesie, daß es für diese Gattung von Liedern als ein ewiges Muster in unserer Sprache gelten muß. Wer in den Gegenden Deutschlands gelebt hat, wo die Gesänge der alten Luther‘schen Kirche sich noch im Munde des Volkes erhalten haben, der weiß, wie dieses süße Lied oft auf besternter Flur von den heimkehrenden Land- und Bergleuten gesungen wird, und wie es Abends in den friedlichen Stuben und von den Thürmen durch die nächtliche Stille erschallt. Wer aber die Geschichte des Absterbens des lebendigen Geistes in der evangelischen Kirche kennt, der weiß auch, wie gerade dieses Lieblingslied des Deutschen Volkes schon unter Friedrich II ein Gegenstand des Spottes und Aergernisses war. Die Gebildeten rümpften die Nasen über Vieh, Schuhe und andere gemeine Ausdrücke des veralteten Gesanges, und die Geistreichen bemerkten, daß die erste Strophe reiner Unsinn sei. Wie können (sagen sie) die todten Wälder ruhen, die nie wachen: Und wie kann man in unseren aufgeklärten Zeiten noch singen: Es ruht die ganze Welt, wenn man weiß, daß gerade, wenn wir uns schlafen legen, unsere Gegenfüßler wach werden, also höchstens die halbe Welt schläft, und auch von dieser nur ein Theil, weder die wachthabenden Soldaten, noch Kranke, die an Schlaflosigkeit leiden. Ja schon der ehrliche Schamelius im Jahre 1737, bringt manche Bedenken hierüber vor, die man im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, als alle Poesie und die Deutsche Sprache selbst zu verstummen drohte, sich hierüber gemacht hatte. Solche Vorwürfe bedürfen wohl jetzt feiner Antwort. Wer sieht und fühlt nicht die stille Ruhe der Natur am Abend? das Verstummen der gesangreichen Bewohner des Waldes? das allgemeine Bedürfnis nach erquickendem Schlummer? das Merkwürdigste aber ist, daß diese schönen drei ersten Zeilen nur eine gedrängte und einfache Wiederholung einer der berühmtesten und bewundertsten Stellen des Königs der Römischen Dichter sind, der (im IV. Bd. der Aeneide, V. 522 - 528) also die Nacht beschreibt:
Nacht war‘s und es genoß holdseligen Schlummer ermüdet
Alles was lebt auf Erden: Gehölz auch und wilde Gewässer
Ruheten: jetzt da zur Mitte die Stern‘ hinrollen den Umlauf,
Da rings schweiget das Feld, und Vieh und buntes Gevögel,
Das theils lautere Seen weitum, theils Dickige rauher
Fluren bewohnt, zum Schlaf gesetzt in nächtlicher Stille:
Sorglos labeten alle das Herz, ausruhend von Arbeit.
Wenn nun dieses Poesie ist, warum nicht auch jenes! Ich möchte nur behaupten, daß die drei kurzen Zeilen Paul Gerhardt‘s in ihrer Einfachheit und Anschaulichkeit rührender sind, als die lieben langen Hexameter Virgil‘s. Doch hierüber will ich mit Niemandem streiten. Aber die Schönheit des Gegensatzes, des wahren Geistes, der seines Schöpfers eingedenk und seiner unsterblichen Natur bewusst, sich über die ermattete und schlummernde Natur um ihn erhebt, ist gewiß über allen Vergleich erhaben.«
Wie sich Abends dieses Lied‘ viele Frommen zu ihrer Erbauung gewählt, so diente es folgenden Pilgern zu einer Stärkung auf der Reise aus der Zeit in die Ewigkeit:
Der Archi-Diakonus M. Gabriel Rebfeld in Oschatz kam 1716 etliche Tage vor seinem seligen Dahinscheiden krank aus dem Beichtstuhle; die plötzlich überhand nehmende Schwäche ließ ihn vermuthen, daß der Herr in heimholen wolle. Er legte sich deshalb zu Bette und betete den 8. Vers unseres Liedes: Nun geht ihr matten Glieder ie. und gar bald ward der Ausspruch dieses Verses an ihm erfüllt; er ging ein zu seines Herrn Freude. M. Joh. Gottlob Frendels Diptychis Ossitiensibus p. 381.
Dr. Heinrich Pipping, Kur-Sächsischer Ober-Hofprediger, schickte sich im Jahre 1722 zu seiner Todesruhe mit dem 8. Verse dieses Liedes an: Breit aus die Flügel beide ie. Er hatte nämlich denselben mehremale wiederholt, als ihn Bewußtlosigkeit überfiel, in der ihn der Herr von hinnen nahm. Curiosa Saxon. 1740. p. 209.
Zwei Parodien finden sich in älteren Gesangbüchern zu diesem Liede, nämlich die eine von M. Christian Feustel, Superintendent zu Weyda, die andere von M. Job. Vitus Ridner, Diakonus zu St. Jakob in Nürnberg. Erstere stehet in Feustels Geschicktem Tisch-Gast vor, bey, und nach dem Tische des Herrn, Leipzig 1713. 12. und zwar in dem zu diesem Werke gedruckten Gesangbuche p. 17. Die zweite lieset man in dem Nürnbergischen Gesangbuche von 1676. p. 836. Beide fangen an: Nun wachen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, und was die Welt erhält ie., sie weichen wenig von einander ab.
Gabriel Wimmer in seiner Ausführlichen Lieder-Erklärung ie. Altenburg 1749. 4. im 3. Theile. S. 493 erläutert dieses Lied.
Auch in den Erklärten Kirchen-Liedern, Hamburg 1716. Stück 7. findet sich dieses Lied aufgeführt und erklärt.
Die schöne Melodie zu diesem Lied ist erborgt; ursprünglich wurde sie zu dem weltlichen Liede: Inspruck ich muß dich lassen ie. von Heinrich Isaac, um 15[fehlt]9 componiert, und kam zuerst durch das Lied: O Welt ich muss dich lassen, zum kirchlichen Gebrauch.
Befindet sich in diesem Beleg ein Fehler oder sind Sie der Meinung, daß hier ein Beleg fehlt? Dann kontaktieren Sie uns
hier. Bitte verwenden Sie vor dem Ausdrucken eines Belegs die Funktion »Druckvorschau« und stellen Sie gegebenenfalls ein querformatiges Druckbild ein, um unliebsame Fehldrucke zu vermeiden.