Ihr holden Schwäne, / Und: Von der Antike bis in die Dichtung des 19. Jahrhunderts hinein und noch bis zu Baudelaires Gedicht »Le cygne« in den »Fleurs du mal« erscheint der Schwan als Sinnbild des Dichters. Anders als die gewöhnlichen Schwäne vermag der sogenannte Singschwan ausdrucksvoll zu singen. Von diesem Naturphänomen leitet sich die metaphorische Gleichsetzung des Schwans mit dem Dichter her. Nach Platon (staat X 620 a) hat sich Orpheus in der Unterwelt in eine Schwan verwandelt, Horaz nennt Pindar den »dirkäischen Schwan« (Carmina IV 2, 25), sich selbst bezeichnet er als einen Schwan, ja er stellt seine Verwandlung in einen Schwan dar (Carmina II 20). Für Kallimachos sind deshalb die Schwäne »Vögel der Musen« (Delos-Hymnos, v. 249ff.). Die Metapher war noch zu Hölderlins Zeit allgemein verbreitet und daher ohne weiteres verständlich. Eine eigene Bedeutungsrubrik in Grimms »Deutschem Wörterbuch« beginnt mit der Bemerkung, daß »besonders Dichter wegen ihres Gesanges« als Schwäne bezeichnet werden. Der erste der angeführten Belege stammt von Stieler und sagt definitorisch: »schwanen, etiam dicuntur poetae, quasi cantate cygni« (»Schwäne werden auch die Dichter genannt – sie sind gleichsam Singschwäne«), der letzte aus einem Brief Goethes (Grimm »Deutsches Wörterbuch«,
Bd. IX, Sp. 2207). In älterer Zeit war der Schwan geradezu das Emblem der Dichter; vgl. Andreas Alciatus, Emblematum Libellus, Paris 1542 (Reprint Darmstadt 1987), S. 236f., wo der Schwan als »der Poeten wappen« dargestellt wird. Die Einbeziehung des spezifisch Dichterischen in diesem Gedicht macht es verständlich, daß der erste Entwurf aus der großen Dichterhymne »Wie wenn am Feiertage ...« hervorging.
trunken von Küssen5 / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser: Die Entgegensetzung dieser beiden Begriffe gilt wiederum, wie die Schwanen-Metapher, der dichterische Spähre. Die »Nüchterne Trunkenheit« (sobria ebrietas, μέθη νηφάλιοϛ) ist die spezifische dichterische Verfassung. Wahres Dichtertum entsteht in der Verbindung von Begeisterung und Besonnenheit – von Trunkenheit und Nüchterheit. Eine für Hölderlin relevante Quelle dieser Lehre ist die von ihm gelesene und für die Ästhetik des ganzen 18. Jahrhunderts kanonische Schrift des Pseudo-Longinus »Vom Erhabenen« (πεϱὶ ὕψουϛ). Ihr Verfasser sieht im 16. Kapitel die Vereinigung von Enthusiasmus und klarem Bewußtsein als das Wesen poetischer und rhetorischer Vollendung an. Es sei, so schreibt er, »notwendig, auch in der Trunkenheit nüchtern zu bleiben« (ὅτι κἀν βακχεύμασι νήφειν ἀναγκαῖον). Die griechische Formel der »nüchternen Trunkenheit« (μέθη νηφάλιοϛ) ist zum ersten Mal – in mystisch religiösem Sinn – bei Philon von Alexandrien exakt und in formelhafter Wiederholung nachweisbar, sowohl in der Schrift »De ebrietate« (Über die Trunkenheit) wie in einer Reihe anderer Schriften. Die entsprechende lateinische Formel »sobria ebrietas« erscheint zum ersten Mal bei Ambrosius, der sich an Philon orientiert, und dann bei einer ganzen Reihe anderer Kirchenväter, auch bei Augustinus. Genaue Nachweise, auch der Vorformen in der antiken Literatur, bei Hans Lewy, »Sobria Ebrietas. Untersuchungen zur Geschichte der antiken Mystik« , Gießen 1929. Vgl. auch »Thesaurus Graecae Linguae«, Artikel μέϑη; hierzu wertvoll ergänzend »A Patristic Greek Lexicon«, ed. by G. W. H. Lampe, Oxford 1961, Artikel μέϑη, Abschnitt »B called νηφάλιοϛ«, und »Thesaurus Linguae Latinae«, Artikel »ebrietas«, Abschnitt »B translate«, in dem zahlreiche Belege der Formel »sobria ebrietas« gesammelt sind. In der Goethezeit ist die tradierte Vorstellung der »nüchternen Trunkenheit« lebendig, durchweg in poetologisch-psychologischer Bedeutung. Schelling schreibt: »Im Menschen, soweit ihm ein Strahl von Schöpfungskraft verliehen ist, finden wir [...] eine blinde, ihrer Natur nach schrankenlose Produktionskraft, der eine besonnene, sich beschränkende und bildende, eigentlich also negierende Kraft in demselben Subjekt entgegensteht [...] Nicht in verschiedenen Augenblicken, sondern in demselben Augenblick trunken und nüchtern zu sein, dies ist das Geheimnis der wahren Poesie« (Schelling, »Sämmtliche Werke«, hg. v. K. F. A. Schelling, Stuttgart, Augsburg 1856ff., 2. Abt., Bd. 4, S. 25). Schiller glaubte in einem Brief an Hölderlin vom 24. November 1796 davor warnen zu müssen, »die Nüchternheit in der Begeisterung zu verlieren«. Goethe beschwört noch im »Schenkenbuch« des Westöstlichen Divans die »nüchterne Trunkenheit« (v. 15 des Gedichts »Sie haben wegen der Trunkenheit ...«). Hölderlin selbst notiert einmal: »Das ist das Maß Begeisterung, das jedem Einzelnen gegeben ist, daß der eine bei größerem, der andere nur bei schwächerem Feuer die Besinnung noch im nötigen Grade behält. Da wo die Nüchternheit dich verläßt, da ist die Grenze deiner Begeisterung. Der große Dichter ist niemals von sich selbst verlassen, er mag sich so weit über sich selbst erheben als er will [...] « (Bd. II, S. 520). Ausdrücklich auf den Dichter bezieht Hölderlin das Wort »heilignüchtern« in dem Fragment »Deutscher Gesang«, in dem, wohl mit einer Anspielung auf den inspirierenden Kastalischen Quell, vom Dichter die Rede ist, der erst singt, wenn er des »heiligen nüchternen Wassers / Genug getrunken« (v. 18 f.). Sowohl aus der poetologischen Tradition wie aus Hölderlins eigenen Aussagen ergibt sich also, daß das Bild der Schwäne, die trunken von Küssen ihr Haupt ins heilignüchterne Wasser tunken, auch als eine Metapher des vollkommenen dichterischen Zustands zu verstehen ist.
die Blumen: Schon seit der Antike hat die Blume auch eine metaphorische Bedeutung als »Blume der Rede« – (z. B. Cicero, »De oratore« III 96: »verborum sententiarumque floribus« – »mit den Blumen der Worte und Sätze«). Hölderlin verwendet die Metapher auch in anderen Gedichten. In der Elegie »Brot und Wein« heißt es von der dichterischen Zeit Griechenlands, in ihr seien »Worte, wie Blumen« entstanden (v. 90), in der Hymne »Germanien« ist von der dichterischen »Blume des Mundes« die Rede (v. 72).
Sonnenschein,10 / Und Schatten der Erde: Daß das – erst in der zweiten Strophe hervortretende – lyrische Ich im »Winter« nicht nur nach dem »Sonnenschein«, sondern auch nach dem »Schatten der Erde« fragt, ist nur scheinbar paradox. Es handelt sich um die vermissende Frage nach der Harmonie des Einigentgegengesetzten, welche die erste Strophe darstellt. Nicht auf Sonnenschein und Schatten an sich kommt es an, sondern auf die Harmonie des Einigentgegengesetzten: des Sonnenlichts und des Schattens . Zur Idyllentopologie gehört traditionell der Ausgleich der Gegensätze und insbesondere der Ausgleich von Sonne und Schatten. »Süß ists, dann unter hohen ’Schatten’ von Bäumen / Und Hügeln zu wohnen, ’sonnig’ [...]«, heißt es in dem späten hymnischen Entwurf »Griechenland«, 3. Ansatz, v. 46 f. (S. 422); ähnlich »Mnemosyne«, v. 18-20.