141
142
143
Der Mond ist aufgegangen
Text [Formkommentar]
Matthias Claudius
Abendlied.
Nun ruhen alle Wälder, ie.
1.
Der Mond ist aufgegangen,1
141
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget5
der weisse Nebel wunderbar.
2.
Wie ist die Welt so stille!
und in der Dämmrung Hülle,
so traulich und so hold,
142
als eine stille Kammer,10
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt!
3.
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön.15
So sind wol manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.
4.
Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder,20
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinnste,
und suchen viele Künste,
und kommen weiter von dem Ziel.
5.
Gott! laß uns dein Heil schauen,25
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
und vor dir hier auf Erden,
wie Kinder, fromm und fröhlich seyn!30
6.
Wollst endlich, sonder Grämen,
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod;
und wenn du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,35
Du lieber, frommer, treuer Gott!
7.
So legt euch denn, Ihr Brüder,
143
in Gottes Namen nieder!
Kühl ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen,40
und laß uns ruhig schlafen,
und unsern kranken Nachbar auch!
Allgemein gesellschaftliches Liederbuch. Zum Nutzen und Vergnügen. Hg. v. Anonymos. Hamburg 1790, S. 141-142.
Befindet sich in diesem Beleg ein Fehler oder sind Sie der Meinung, daß hier ein Beleg fehlt? Dann kontaktieren Sie uns hier. Bitte verwenden Sie vor dem Ausdrucken eines Belegs die Funktion »Druckvorschau« und stellen Sie gegebenenfalls ein querformatiges Druckbild ein, um unliebsame Fehldrucke zu vermeiden.