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Hälfte des Lebens
[Text] Einzelstellenkommentar [Formkommentar]
Friedrich Hölderlin
Hälfte des Lebens
1.
Mit gelben Birnen hänget1
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Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
2.
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,10
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen .
Birnen: Christoph Schwab schreibt in seiner Ausgabe von 1846 (II 341) »Blumen«. Die richtige Lesart wird erst von Hellingrath (4, 60) wiederhergestellt. Im 19. Jahrhundert zitiert den echten Wortlaut anscheinend nur Hermann Kurz in seinem anonymen Aufsatz über »Gedichte von Hölderlin« in Cottas Morgenblatt für gebildete Leser 32 (1838) Nr. 103 vom 30. April S. 409 f. und, allerdings abgewandelt, Bogumil Goltz: Die Bildung und die Gebildeten, Berlin, 1864, I 93-95 (vgl. Lothar Kempter: Bogumil Goltz zitiert Hölderlin, Hölderlin-Jahrbuch 1948/49, S. 188-192). Hellingraths Anmerkung z. St. läßt noch die Möglichkeit eines Setzerirrtums offen. Aus Chr. Schwabs Abschrift der »Nachtgesänge« des WilmannschenTaschenbuchs (Stuttgart V g Nr. 7 a Seite 8) geht aber deutlich hervor, daß er allein an den unglücklichen »Blumen« die Schuld trägt, und zwar hat er sogleich »Blumen« geschrieben, nicht etwa als »Verbesserung« über gestr. »Birnen«. Es ist durchaus möglich, daß er sich bei den sehr kleinen Typen des Taschenbuchs überhaupt nur verlesen und also die Änderung ganz unbewußt vorgenommen hat.
Ihr holden Schwäne: Die Anrede steht genau in der Mitte der Strophe. »See« v. 3 und »Wasser« v. 7 bezeichnen den Schluß der vorangehenden und der nachfolgenden drei Zeilen: Kühlung des hochsommerlichen Landes und der Trunkenheit der Schwäne.
Und trunken von Küssen: Clemens Brentano läßt diese Verse anklingen am Schluß seiner sechszeiligen Grabschrift, die er in dem Brief an Rahel Varnhagen vom 25. Juni 1813 entwirft: »Aber es tauchet der Schwan ins heilignüchterne Wasser / Trunken das Haupt, und singet sterbend dem Sternbild den Gruß!« – Vgl. Walther Rehm: Brentano und Hölderlin. Hölderlin-Jahrbuch 1947, S. 127-178, besonders S. 169.
Tunkt: Die seltenere Form für »taucht« (s. die Lesarten) wohl wegen des Anklangs an »trunken« v. 5 eingesetzt; »trunken« kommt bei nord-, mittel- und süddeutschen Dichtern vor: Moritz Heynes Deutsches Wörterbuch (3, 1078) bietet Belege aus J. H. Voß, Eichendorff und Wieland (vgl. auch Hermann Fischers Schwäbisches Wörterbuch 2,469).
heilignüchterne: Vgl. »Deutscher Gesang« v. 18: des heiligen nüchternen Wassers (die kennzeichnende Prägung »heilignüchtern« ist also nicht von Anfang an da!). In den eingangs angeführten Sätzen aus dem Brief an die Schwester vom 11. Dezember 1800 fürchtet Hölderlin dagegen, da er »allzunüchtern« werden sollte; vgl. auch Elegie v. 69.
Und Schatten der Erde: Es mag zunächst befremden, daß in diesem Gegenbild zu dem frühen Reifen und späten Blühen der ersten Strophe auch um den Schatten geklagt und gefragt wird. Sollte der Mangel des Winters nicht eindringlicher im Fehlen nur der »Blumen« und des »Sonnenscheins« fühlbar werden? Der Schatten, noch dazu in der genauen Mitte, auf dem Gipfelpunkt der Strophe und am Ende der einzigen Frage des Gedichts stark betont, scheint die Deutlichkeit zu verwischen. Das Thema der ersten Strophe ist indes nicht einfach der Gegensatz des Winters – das wäre die Sonnenglut der Afrikanischen dürren Ebenen (Der Wanderer v. 1 f.), sondern die Kühlung in der Trunkenheit liebenden Reifens und Blühens, die jedoch das »allzunüchterne« Extrem meidet und »helignüchtern« genannt wird. Deshalb muß dem »Sonnenschein« sogleich der mäßigende und mildernde »Schatten«, der überhaupt erst das Wachstum ermöglicht, beigestellt werden. – Was der ersten Strophe die Ausgewogenheit verleiht, muß hier fehlen. Die Frage wird trostlos beantwortet. Der Winter, die zweite Hälfte des Lebens, ist »allzunüchtern«, ist »sprachlos« und »kalt«.
Fahnen: Irrtümlich oft als Fahnentücher aufgefaßt, z.B. von Rudolf Maczurat in seinen »Varianten über Verse Hölderlins« (Atem des Sieges, Berlin [1942], S. 51): Fäuste haben die Fahnen eingerollt. – Gemeint sind indes Wetterfahnen; vgl. Hyperion 2, 27: es soll ein ziemlich Feuer werden. Ha! mags doch reichen bis an die Spize des Thurms und seine Fahne schmelzen; Mörike, Maler Nolten (2, 423 Maync): ... und auf dem Dache klirrten die Fahnen zusammen.
Hölderlin. Sämtliche Werke. Große Stuttgarter Ausgabe. Hg. v. Friedrich Beissner. Bd. 2,1. Stuttgart 1951, S. 117.
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