Schönster Herr Jesu
Der Gesang „Schönster Herr Jesu“ stammt aus dem 17. Jahrhundert. Im Lied wird die Schönheit Christi beschrieben, wobei Naturbilder herangezogen werden. Ursprünglich war damit eine eucharistische Deutung verbunden. Seit dem 19. Jahrhundert wurde das Lied auch als Naturlied wahrgenommen und in weltlichen Gebrauchsliederbüchern abgedruckt.
I. Theologisch werden mit dem Lied „Schönster Herr Jesu“ zwei alte Traditionen aufgegriffen: erstens eine eucharistische, zweitens eine Tradition, die von der äußeren und inneren Schönheit Christi handelt. In der Frühen Neuzeit spielte das Motiv von der Schönheit Christi im Rahmen einer konfessionsübergreifenden Christusfrömmigkeit eine wichtige Rolle. Im Rückgriff auf die typologische und allegorische Hohelied- und Psalmenauslegung sowie in Analogie zur weltlichen Liebesdichtung der Zeit wurde Jesus als der Liebenswerteste und der Schönste angesehen. Davon abhängig ist die eucharistische Deutung. Nach christlichem Verständnis ist Christus nach der Konsekration in den Gestalten Brot und Wein real präsent. Im katholischen Bereich entwickelte sich daraus eine breite, auch in öffentlichkeitswirksamen Prozessionen realisierte Eucharistiefrömmigkeit.
II. Der älteste gedruckte Liedbeleg von „Schönster Herr Jesu“ stammt aus einem katholischen Gesangbuch aus Westfalen (Münster 1677). Der Autor ist unbekannt. Gelegentlich wurde der Text Friedrich Spee (1591–1635) zugeschrieben, allerdings ohne hinreichenden Grund. Ausgehend von der Erstveröffentlichung verbreitete sich das Lied im katholischen Raum durch Gesangbücher und Flugblätter, zuweilen in veränderter bzw. erweiterter Gestalt wie im „Geistlichen Psälterlein“ (Köln 1747). Erst die Aufklärung setzte dieser katholischen Rezeption aus theologischen und ästhetischen Gründen eine Grenze.
III. Wiederentdeckt und popularisiert wurde das Lied durch die „Schlesischen Volkslieder“ Hoffmanns von Fallersleben (Breslau 1842). In dieser Sammlung gab der Herausgeber eine Melodie bei, die – unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts – eine Rezeption des Liedes als „geistliches Volkslied“ ermöglichte. Diese Rezeption erstreckte sich auf weltliche Gebrauchsliederbücher genauso wie auf evangelische Kirchengesangbücher. Die ursprünglich letzte Strophe mit dem konfessionell anstößigen Text (Verehrung des heiligen Sakraments, also der Eucharistie) wurde dabei nicht übernommen.
IV. Offensichtlich war der ästhetische Reiz des Liedes groß genug, um von Büchern der Jugend- und Wandervogelbewegung aufgenommen zu werden. Allerdings interessierte diese die religiös aufgewerteten Naturbilder, nicht die Christusfrömmigkeit. Als geistliches Volkslied wurde „Schönster Herr Jesu“ sogar von den Nationalsozialisten rezipiert, wie der Abdruck im Gesangbuch der „Deutschen Christen“ (Weimar 1941) dokumentiert. Heute spielt das Lied außerhalb des christlichen Gottesdienstes kaum noch eine Rolle, wird aber konfessionsübergreifend als Christuslied gesungen. Bei evangelischen Christen ist die von Hoffmann von Fallersleben überlieferte Fassung gebräuchlich, während sich katholische Christen textlich und melodisch am Erstdruck von 1677 orientieren.
V. In der Kirchen- bzw. Kunstmusik wurde der Choral erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt. Unter anderen schufen Max Reger („Zwölf deutsche geistliche Gesänge“ 1899) und Rudolf Mauersberger („Geistliche Sommermusik“ 1948) Chorsätze, wobei der Katholik Reger auf die Melodiefassung Hoffmanns von Fallersleben zurückgegriffen hat, der Protestant Mauersberger hingegen auf die barocke Aria-Melodie aus dem 17. Jahrhundert.
MICHAEL FISCHER
(Februar 2005)